Tucholsky

 

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

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Das Ideal

ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer, - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve)
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.
Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber -das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen
alte Weine aus schönem Pokal
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
ja, das möchste:
Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein,
bald fehlt uns der Becher.
Etwas ist immer.Tröste dich
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat -
das ist selten.

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Pfeifen anrauchen

Das tut sich wohl des öftern begeben:
Mal beginnt jeder sein ganzes Leben
von neuem. Wirft hin' was er nur kann,
und fängt alles wieder von vorne an,
mit gänzlich neuer Melodie ...
Die Franzosen nennens <refaire sa vie>.
Refaire sa vie ... das ist gar nicht einfach.
Refaire sa vie ... ist leider mein Fach.
Dazu sind wir zu gebrauchen ...
Refaire sa vie - ist wie Pfeifen anrauchen
Du glaubst erst gar nicht, daß es sich lohnt.
Der Tabak schmeckt schwer und ungewohnt
es legt sich das Nikotin auf den Magen,
du hast über Seelen- und Bauchweh zu klagen;
das macht, das Ding ist nicht abgenutzt,
und die Pfeife ist viel zu wenig verschmutzt.
Aber so eine zwei, drei Jahr,
da schmeckt die Pfeife wunderbar.
Ihr Hals ist dir so vertraut gebogen,
das Holz ist voller Tabak gesogen
bis zur letzten Faser.
Und du kratzst nichts ab.
Diese Pfeife nimmst du ins Grab ...
Bis zur nächsten. Bis zur nächsten Ecke.
Da krauchst du hervor aus deinemVerstecke,
der Boden bekommt eine neue Schichtung,
das Leben nimmt eine andere Richtung.
Und du bist ein Kerl und ganzer Mann
und steckst eine neue Pfeife an.
Wenn du einmal am Ende stehst,
wenn du die letzte Wende gehst,
wenn du dann klug bist,
blickst duzurück,
auf das ganze geschlängelte Stück.
So viel Pfeifen! Viel Änderungen!
so oft hast du eine neue geschwungen!
Und hat die Neue genützt?
Seife. Es war immer dieselbe Pfeife.

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Wiederaufnahmeverhandlung

(Dem Präsidenten des Reichsgerichts, Herrn Ehrendoktor Bumke, dargewidmet.)
Erster Verhandlungstag
Der Vorsitzende:
Na und -
Die Zeugin: Und - da ist er eben
Der Vorsitzende: Was?
Die Zeugin (schweigt).
Der Vorsitzende:
Aber sprechen Sie doch, es tut Ihnen hierniemand etwas! Außerdem stehen Sie unter Ihrem Eid!
Die Zeugin (ganz leise): Da ist er eben die Nacht bei mir geblieben ... !
Ein Geschworener: Das war also die Mordnacht? Die Nacht vom 16. auf den 17. November?
Die Zeugin: ja ...
Der Vorsitzende: ja, um Gottes willen! Hat Sie das denn niemand in der damaligen Verhandlung gefragt?
Die Zeugin: Der Herr Rat war so streng mit mir ... und es ging auch alles so schnell
Der Vorsitzende: Und da lassen Sie einen Unschuldigen, da lassen Sie also einen Mann zum Tode verurteilen und dann später lebenslänglich ins Zuchthaus gehen, ohne zu sagen, also das verstehe ich nicht!
Die Zeugin (schluchzend): Meine Eltern sind sehr fromm ... die Schande...
Zweiter Verhandlungstag
Der Zeuge:
Das habe ich auch alles ausgesagt. Aber der Herr Untersuchungsrichter wollte davon nichts hören.
Der Vorsitzende: Herr Landrichter Doktor Pechat?
Der Zeuge: ja. Ich habe ihn immer wieder darauf hingewiesen, daß der Schrei in der Nacht gar nicht deutlich zu hören war es regnete sehr stark, und das Haus war auch weit entfernt. . .
Der Vorsitzende: In Ihrer Aussage also hier im Protokoll kann ich davon nichts finden.
Der Zeuge: Der Herr Untersuchungsrichter hat gesagt: wenn ich nicht unterschreibe, dann behält er mich gleich da.
Der Staatsanwalt: Das ist doch wohl nicht möglich! Herr Landrichter Pechat, bitte?
Der Landrichter: Ich kann mich nicht mehr besinnen.
Dritter Verhandlungstag
Der Sachverständige:
Das erste, was jeder Fachmann sofort zu tun hatte, war: den zweiten Revolver zu untersuchen. Das ist damals nicht geschehen.
Der Staatsanwalt: Warum haben Sie denn das in der Verhandlung nicht angegeben?
Der Sachverständige: Herr Staatsanwalt! Ich bin jetzt dreiundzwanzig Jahre Sachverständiger ... aber so was wie diese Verhandlung damals ... ich durfte überhaupt nichts sagen. Der Staatsanwalt, Herr Staatsanwalt Pochhammer, und der Herr Vorsitzende, Herr Landgerichtsdirektor Brausewetter, haben immer wieder gesagt, das seien meine persönlichen Ansichten, und auf die käme es nicht ...
Der Vorsitzende: Ist es Ihrer Meinung nach möglich, mit dem ersten Revolver auf die Entfernung, die das damalige Urteil annimmt, zu zielen oder gar zu treffen?
Der Sachverständige: Nein. Das ist ganz unmöglich.
Vierter Verhandlungstag
Der Staatsanwalt:
... wenn auch nicht mit absoluter Gewißheit, so doch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, daß der Angeklagte nicht der Täter gewesen ist.
Ich sage nicht: nicht gewesen sein kann. Denn wenn auch sein Alibi durch die Zeugin, Fräulein Koschitzki, nunmehr bewiesen ist; wenn auch die Zeugenaussagen, wonach man einen Schrei gehört habe, erschüttert worden sind: wenn auch, fahre ich fort, die versäumte Untersuchung des Armeerevolvers ein fehlendes Glied in der Beweiskette ist, so bleibt doch immer noch die Frage: Wo ist August Jenuschkat geblieben? Der Leichnam des Ermordeten ist niemals aufgefunden worden. Daher können wir auch nicht sagen, daß etwa in der ersten Verhandlung schuldhaft irgendein Umstand außer acht gelassen worden sei. Das wäre eine ungerechtfertigte Übertreibung. Die Umstände, wie ich sie Ihnen hier....
(Rumor) Der Vorsitzende: Ich bitte doch aber um Ruhe! Justizwachtmeister, schließen Sie die...
Der Justizwachtmeister: Wollen Sie hier raus ... Wollen Sie hier wohl. . .
Eine Stimme: Äi, Franz, was machst du denn auf der Anklagebank -?
Der Angeklagte (reißt die Augen auf und fällt in Ohnmacht).
Der Justizwachtmeister: Wistu ... Wistu ...
Der Vorsitzende: Ruhe! Was ist das? Was wollen Sie hier? Wer sind Sie?
Ein fremder Mann: I, ich bin der Jenuschkat!
Der Vorsitzende: Wenn Sie hier Ansprüche wegen Ihres ermordeten Angehörigen stellen wollen ...
Der fremde Mann: Ai näi! Ich bin der August Jenuschkat!
Der Vorsitzende: Ruhe! Sie sind August Jenuschkat? Gibt es zwei Augusts in Ihrer Familie?
Der fremde Mann: Näin. Ich hab jeheert, se haben mir ermordet: aber ich jlaub, es is nicht wahr!
Der Vorsitzende: Treten Sie mal vor! Haben Sie Papiere, mit denen Sie sich ausweisen können? ja ... Da sind Sie also der ... da sind Sie also -
Der fremde Mann: Jaa ... Wie ich an dem Morjen bin nach Hause jekomm, da standen da all die Schendarm. Und da bin ich jläich wechjemacht, weil ich jedacht hab, se wolln mir holen. Ich hatt da. noch 'n Stückchen mits Finanzamt ... Und da bin ich rieber mit die Pferde - ins Litauische. Und da hab ich mich denn in eine Försterstochter verliebt und hab se all jehäirat. Un jeschrieben hat mir käiner, weil se meine Adreß nich jehabt habn. Und wie ich nu heite morjn rieber komm ausn Litauischen, mit die Pferde, da heer ich diß hier. Nee, saren Se mal -!
Der Vorsitzende: Die Verhandlung wird vertagt.

Personalnachrichten

Befördert wurden:
Herr Landrichter Doktor Pechat zum Landgerichtsdirektor;
Herr Staatsanwalt Doktor Pochhammer zum Ersten Staatsanwalt;
Herr Landgerichtsdirektor Brausewetter zum Senatspräsidenten in Königsberg.

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Wo kommen die Löcher im Käse her....?

Das Werk zwingt schon durch die Gelehrsamkeit, die in ihm verkocht erscheint, Bewunderung ab, besonders einem Leser wie mir, dessen Bildung an Emmentaler Käse erinnert, indem sie wie dieser größtenteils aus Lücken besteht. (Alfred Polgar)

Wenn abends wirklich einmal Gesellschaft ist, bekommen die Kinder vorher zu essen. Kinder brauchen nicht alles zu hören, was Erwachsene sprechen, und es schickt sich auch nicht, und billiger ist es auch. Es gibt belegte Brote; Mama nascht ein bißchen mit, Papa ist noch nicht da.

»Mama, Sonja hat gesagt, sie kann schon rauchen - sie kann doch noch gar nicht rauchen.« - »Du sollst bei Tisch nicht reden.« - »Mama, guck mal die Löcher in dem Käse!« - Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: »Tobby ist aber dumm! Im Käse sind doch immer Löcher!« Eine weinerliche Jungenstimme: »Na ja - aber warum? Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?« - »Du sollst bei Tisch nicht reden!« - »Ich möcht aber doch wissen, wo die Löcher im Käse herkommen!« - Pause. Mama: »Die Löcher ... also ein Käse hat immer Löcher, da haben die Mädchen ganz recht! ... ein Käse hat eben immer Löcher.« - »Mama! Aber dieser Käse hat doch keine Löcher! Warum hat der keine Löcher? Warum hat der Löcher?« »Jetzt schweig und iß. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden! Iß!« »Bwww-! Ich möcht aber wissen, wo die Löcher im Käse. aua, schubs doch nicht immer ... !« Geschrei. Eintritt Papa.
»Was ist denn hier los? Gun Ahmt!« - »Ach, der Junge ist wieder ungezogen!« - »Ich bin gahnich ungezogen! Ich will nur wissen, wo die Löcher im Käse herkommen. Der Käse da hat Löcher, und der hat keine -!« Papa: »Na, deswegen brauchst du doch nicht so zu brüllen! Mama wird dir das erklären!« -.Mama: »Jetzt gib du dem Jungen noch recht! Bei Tisch hat er zu essen und nicht zu reden!« - Papa: »Wenn ein Kind was fragt, kann man ihm das schließlich erklären! Finde ich.« - Mama: »Toujours en présence des enfants! Wenn ich es für richtig finde, ihm das zu erklären, werde ich ihm das schon erklären. Nu iß!« - »Papa, wo doch aber die Löcher im Käse herkommen, möcht ich doch aber wissen!« -Papa: »Also, die Löcher im Käse, das ist bei der Fabrikation; Käse macht man aus Butter und aus Milch, da wird er gegoren, und da wird er feucht; in der Schweiz machen sie das sehr schön, wenn du groß bist, darfst du auch mal mit in die Schweiz, da sind so hohe Berge, da liegt ewiger Schnee darauf - das ist schön, was?« - »Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Käse her?« - »Ich habs dir doch eben erklärt: die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.« - »ja, aber ... wie kommen denn die da rein, die Löcher?« - »Junge, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und geh zu Bett! Marsch! Es ist spät! « - »Nein! Papa! Noch nicht! Erklär mir doch erst, wie die Löcher im Käse. Bumm, Katzenkopf. Ungeheuerliches Gebrüll. Klingel.
Onkel Adolf.
»Guten Abend! Guten Abend, Margot - 'n Ahmt - na, wie gehts? Was machen die Kinder? Tobby, was schreist du denn so?« - »Ich will wissen ... « - »Sei still ... !« »Er will wissen ... « - »Also jetzt bring den Jungen ins Bett und laßt mich mit den Dummheiten in Ruhe! Komm, Adolf, wir gehen solange ins Herrenzimmer; hier wird gedeckt!« Onkel Adolf: »Gute Nacht! Gute Nacht! Alter Schreihals! Nu hör doch bloß mal ... ! Was hat er denn?« -»Margot wird mit ihm nicht fertig -- er will wissen, wo die Löcher im Käse herkommen, und sie hats ihm nicht erklärt.« - »Hast dus ihm denn erklärt?« - »Natürlich hab ichs ihm erklärt.« »Danke, ich rauch jetzt nicht - sage mal, weißt du denn, wo die Löcher herkommen?« - »Na, das ist aber eine komische Frage! Natürlich weiß ich, wo die Löcher im Käse herkommen! Die entstehen bei der Fabrikation durch die Feuchtigkeit ... das ist doch ganz einfach!« - »Na, mein Lieber ... da hast du dem Jungen aber ein schönes Zeugs erklärt! Das ist doch überhaupt keine Erklärung!« - »Na, nimm mirs nicht übel .- du bist aber komisch! Kannst du mir denn erklären, wo die Löcher im Käse herkommen?« - »Gott sei Dank kann ich das.« - »Also bitte.« »Also, die Löcher im Käse entstehen durch das sogenannte Kasein, was in dem Käse drin ist.« - »Das ist doch Quatsch.« - »Das ist kein Quatsch.« - »Das ist wohl Quatsch; denn mit dem Kasein hat das überhaupt nichts zu ... gun Ahmt, Martha, gun Ahmt, Oskar ... bitte, nehmt Platz. Wie gehts'. , überhaupt nichts zu tun l«
»Was streitet ihr euch denn da rum?« - Papa: »Nu bitt ich dich um alles in der Welt: Oskar, du hast doch studiert und bist Rechtsanwalt: haben die Löcher im Käse irgend etwas mit Kasein zu tun?« - Oskar - »Nein. Die Käse im Löcher ... ich wollte sagen: die Löcher im Käse rühren daher . . . also die kommen daher, daß sich der Käse durch die Wärme bei der Gärung zu schnell ausdehnt!« Hohngelächter der plötzlich verbündeten reisigen Helden Papa und Onkel Adolf. »Haha! Hahahal Na, das ist eine ulkige Erklärung! Der Käse dehnt sich aus! Hast du das gehört? Haha ...«
Eintritt Onkel Siegismund, Tante Jenny, Dr. Guggenheimer und Direktor Flackeland. Großes »Guten Abend! Guten Abend! - . . . gehts? ... unterhalten uns gerade ... sogar riesig komisch ... ausgerechnet Löcher im Käse! ... es wird gleich gegessen ... also bitte, dann erkläre du -!« Onkel Siegismund: »Also - die Löcher im Käse kommen daher, daß sich der Käse bei der Gärung vor Kälte zusammenzieht!« Anschwellendes Rhabarber, Rumor, dann großer Ausbruch mit vollbesetztem Orchester: »Hahal Vor Kälte! Hast du schon mal kalten Käse gegessen? Gut, daß Sie keinen Käse machen, Herr Apolant! Vor Kälte! Hähä!« - Onkel Siegismund beleidigt ab in die Ecke.
Dr. Guggenheimer:
»Bevor man diese Frage entscheiden kann, müssen Sie mir erst mal sagen, um welchen Käse es sich überhaupt handelt. Das kommt nämlich auf den Käse an!« Mama: »Um Emmentaler! Wir haben ihn gestern gekauft ... Martha, ich kauf jetzt immer bei Danzel, mit Mischewski bin ich nicht mehr so zufrieden, er hat uns neulich Rosinen nach oben geschickt, die waren ganz ... « Dr. Guggenheimer: »Also, wenn es Emmentaler war, dann ist die Sache ganz einfach. Emmentaler hat Löcher, weil er ein Hartkäse ist. Alle Hartkäse haben Löcher.«
Direktor Flackeland: »Meine Herren, da muß wohl wieder mal ein Mann des praktischen Lebens kommen. . . die Herren sind ja größtenteils Akademiker ... « (Niemand widerspricht.) »Also, die Löcher im Käse sind Zerfallsprodukte beim Gärungsprozeß. ja. Der ... der Käse zerfällt, eben ... weil der Käse ... « Alle Daumen sind nach unten gerichtet, das Volk steht auf, der Sturm bricht los. »Pö! Das weiß ich auch! Mit chemischen Formeln ist die Sache nicht gemacht!« Eine hohe Stimme: »Habt ihr denn kein Lexikon -?« Sturm auf die Bibliothek. Heyse, Schiller, Goethe, Bölsche, Thomas Mann, ein altes Poesiealbum - wo ist denn ... richtig!
GROBKALK BIS KERBTIERE
Kanzel, Kapital, Kapitalertragssteuer, Karbatsche, Kartätsche, Karwoche, Käse -!
»Laß mich mal! Geh mal weg!  Pardon! Also:
>Die blasige Beschaffenheit mancher Käsesorten rührt her von einer Kohlensäureentwicklung aus dem Zucker der eingeschlossenen Molke.<
« Alle, unisono: »Hast es. Was hab ich gesagt?« ...
»>eingeschlossenen Molke und ist<
 ... wo geht denn das weiter? Margot, hast du hier eine Seite aus dem Lexikon rausgeschnitten? Na, das ist doch unerhört - wer war hier am Bücherschrank? Sind die Kinder. .? Warum schließt du denn den Bücherschrank nicht ab?« »Warum schließt du den Bücherschrank nicht ab ist gut, hundertmal hab ich dir gesagt, schließ du ihn ab -« -»Nu laßt doch mal: also wie war das? Ihre Erklärung war falsch. Meine Erklärung war richtig.« - »Sie haben gesagt, der Käse kühlt sich ab!« - »Sie haben gesagt, der Käse kühlt sich ab - ich hab gesagt, daß sich der Käse erhitzt!« -»Na also, dann haben Sie doch nichts von der kohlensauren Zuckermolke gesagt, wie da drin steht!« - »Was du gesagt hast, war überhaupt Blödsinn!« - »Was verstehst du von Käse? Du kannst ja nicht mal Bolles Ziegenkäse von einem alten Holländer unterscheiden!« - »Ich hab vielleicht mehr alten Holländer in meinem Leben gegessen wie du!« - »Spuck nicht ' wenn du mit mir sprichst!« Nun reden alle mit einemmal. - Man hört: - »Betrag dich gefälligst anständig, wenn du bei mir zu Gast bist . .-.!« »saurige Beschaffenheit der Muckerzolke . ..« »mir überhaupt keine Vorschriften zu machen!« ... »Bei Schweizer Käse - ja! Bei Emmentaler Käse - nein! ... « »Du bist hier nicht bei dir zu Hause! hier sind anständige Leute . . .« »Wo denn -?« »Das nimmst du zurück! Das nimmst du sofort zurück! Ich lasse nicht in meinem Hause meine Gäste beleidigen - ich lasse in meinem Hause meine Gäste nicht beleidigen! Du gehst mir sofort aus dem Haus! « - »Ich bin froh, wenn ich raus bin - Deinen Fraß brauche ich nicht!« - »Du betrittst mir nicht mehr meine Schwelle!« - »Meine Herren, aber das ist doch . . .!« - »Sie halten überhaupt den Mund - Sie gehören nicht zur Familie! ... « »Na, das hab ich noch nicht gefrühstückt!« - »Ich als Kaufmann ... l« - »Nu hören Sie doch mal zu: Wir hatten im Kriege einen Käse« - »Das war keine Versöhnung! Es ist mir ganz egal, und wenn du platzt: Ihr habt uns betrogen, und wenn ich mal sterbe, betrittst du nicht mein Haus!« - »Erbschleicher!« - »Hast du das!« - »Und ich sag es ganz laut, damit es alle hören: Erbschleicher! So! Und nun geh hin und verklag mich!« -»Lümmel! Ein ganz fauler Lümmel, kein Wunder bei dem Vater!« - »Und deine? Wer ist denn deine? Wo hast du denn deine Frau her?« - »Raus! Lümmel !« - »Wo ist mein Hut? In so einem Hause muß man ja auf seine Sachen aufpassen l« - »Das wird noch ein juristisches Nachspiel haben! Lümmel! ... « - »Sie mir auch -!«
In der Türöffnung erscheint Emma, aus Gumbinnen, und spricht-. »jnädje Frau, es is anjerichtet -!«
4 Privatbeleidigungsklagen, 2 umgestoßene Testamente. 1 aufgelöster Soziusvertrag, 3 gekündigte Hypotheken- 3 Klagen um bewegliche Vermögensobjekte: 1 gemeinsames Theaterabonnement, 1 Schaukelstuhl, 1 elektrisch heizbares Bidet. 1 Räumungsklage des Wirts.
Auf dem Schauplatz bleiben zurück ein trauriger Emmentaler und ein kleiner Junge, der die dicken Arme zum Himmel hebt und, den Kosmos anklagend, weithin hallend ruft:
»Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her -?«

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Herr Wendriner erzieht seine Kinder

». - . Nehm' Sie auch noch 'n Pilsner? ja? Ober! Ober, Himmelherrgottdonnerwetter, ich rufe hier nu schon 'ne halbe Stunde nu kommen Se doch ma endlich her! Also zwei Pilsner! Was willst du? Kuchen? Du hast genug Kuchen. Also zwei Pilsner. Oder lieber vielleicht - na, is schon gut. Junge, sei doch mal endlich still, man versteht ja sein eigenes Wort nicht. Du hast doch schon Kuchen gegessen! Nein! Nein. Also, Ober: noch 'n Apfelkuchen mit Sahne. Wissen Se, was einem der Junge zusetzt! Na, Max, nu geh spielen! Hör nich immer zu, wenn Erwachsene reden. Zehn wird er jetzt. Ja, also ich komme nach Hause, da zeigt mir meine Frau den Brief. Wissen Sie, ich war ganz konsterniert. Ich habe meiner Frau erklärt: So geht das auf keinen Fall weiter! Raus aus der Schule - rein ins Geschäft! Max, laß das sein! Du machst dich schmutzig! Der Junge soll den Ernst des Lebens kennenlernen! Wenn sein Vater so viel arbeitet, dann kann er auch arbeiten. Wissen Se, es is mitunter nicht leicht. Dabei sieht der Junge nichts andres um sich herum als Arbeit: morgens um neun gehe ich weg, um halb neun, um acht - manchmal noch früher - abends komme ich todmüde nach Hause . . . Max, nimm die Finger da raus, du hast den neuen Anzug an! Sie wissen ja, die große Konjunktur in der Zeit, das war im Januar, dann die Liquidation - übrigens glauben Sie, Fehrwaldt hat bezahlt? 'n Deubel hat er! Ich habe die Sache meinem Rechtsanwalt übergeben. Der Mann ist nicht gut, glauben Sie mir! Ja, also, mein Ältester ist jetzt nicht mehr da. Max, laß das! Angefangen hat er bei ... Also hören Sie zu: ich hab ihn nach Frankfurt gegeben, zu S. & S. - kenn Sie die Leute auch? - und da hat er als Volongtär angefangen. Ich hab mir gedacht: So, mein junge, nu stell dich mal auf eigne Füße und laß dir mal den Wind ein bißchen um die Nase wehn. Max, tu das nicht! - jetzt werden wir mal sehn. Meine Frau wollte erst nicht - ich bin der Auffassung, so was ist materiell und ideell sehr gut für den Jungen. Er liest immer. Max, laß das! Ich habe gesagt: Junge, treib doch Sport! Alle deine Kameraden treiben Sport - warum treibst du keinen Sport? Ich komme ja nicht dazu, mit ihm hinzugehn, mir täts ja auch mal sehr gut, hat mir der Arzt gesagt, aber er hat in Berlin doch so viel Möglichkeiten! Max, laß das! Was meinen Sie, was der Junge macht? Er fängt sich was mit einer Schickse an aus einem Lokal; 'nem Büfettfräulein, was weiß ich! Max, was willste nu schon wieder? Nein, bleib hier! Du sollst hierbleiben! Max! Max! Komm mal her! Du sollst mal herkommen! Max, hörst du nicht? Kannst du nicht hören? Du sollst mal herkommen! Hierher sollst du kommen! Komm mal her! Hierher. Was hast du denn? Sieh dich vor! Jetzt reißt der Junge die Decke ... ei weh, der ganze Kaffee auf Ihre Hose! Kaffee macht keine Flecke. Du dummer Junge, warum kommst du nicht gleich, wenn man dich ruft! Jetzt haste den ganzen Kaffee umgeworfen! Setz dich hin! Jetzt gehste überhaupt nicht mehr weg! Setz dich hin! Hier setzte dich hin! Nicht gemuckst! Gießt den ganzen Kaffee um! Hier - hasten Bonbon! Nu sei still. Ja - er war schon immer so komisch! Bei seiner Geburt habe ich ihm ein Sparkassenkonto angelegt -- meinen Sie, er hats einem gedankt? Schule - das wollt er nicht! Aber Theater! Keine Premiere hat er versäumt, jede Besetzung bei Reinhardt wußte er und dann Film ... Nee, wissen Se, das war schon nicht mehr schön! ja, nu hat er mit der ... ein . . . Max, sieh mal nach, ob da vorn die Lampen schon angezündet sind! Aber komm gleich wieder! Mit dieser Schickse geht er los! Natürlich kostet das 'n Heidengeld, können Sie sich denken! Nu, es sind da Unregelmäßigkeiten vorgekommen - ich hab ihn wegnehmen müssen, und jetzt ist er in Hamburg. Ach, wissen Se, ich hab schon zu meiner Frau gesagt: Was hat einem der liebe Gott nicht zwei Mädchen gegeben! Die zieht man auf, zieht sie an, legt sie abends zu Bett, und zum Schluß werden sie verheiratet. Da hat man keine Mühe. Und hier! Nichts wie Ärger! Max! Max! Wo bloß der Junge bleibt! Max! Wo warst du denn so lange? Setz dich hierhin! Der Junge ist noch mein Grab - das sage ich Ihnen. Kommen Se, es ist kalt, wir wollen gehn.
Ich frage mich bloß eins: diese Unbeständigkeit, diese Fahrigkeit, diese schlechten Manieren - von wem hat der Junge das -?«


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